Die Politik der Einmachgurke

Courtesy Slavs and Tatars
Slavs and Tatars, Figa, 2016

Slavs and Tatars über Fermentation

Fermentation ist das, was wir ein ›dummes‹ Medium nennen: ein eher einfaches Verfahren (im Grunde braucht man dazu nur Salz und Wasser), das vermeintlich von »Babuschkas«, den traditionellen russischen Großmütterchen, angewendet wird und für das man ursprünglich einfache Zutaten verwendet (Gurken, Kraut). Derartig ›dumme‹ Medien geben uns manchmal ein Instrument an die Hand, sich mit größeren, komplizierten, eher hochgestochenen Geschichten auseinanderzusetzen. In diesem Sinne haben wir in der Vergangenheit bereits mit Ballons (z. B. in ›A Monobrow Manifesto‹, 2010), mit Witzen (z. B. ›Nations‹, 2012) und ähnlichem gearbeitet.

In unserem Zyklus ›Pickle Politics‹ (seit 2016) begreifen wir die Fermentation als nichts weniger als eine beständige Kampfansage an die Aufklärung und deren Erbe des binären Denkens. Etwas zu fermentieren heißt, es durch kontrolliertes Verrotten haltbar zu machen—der Weg zum Erfolg geht also über eine kontraintuitive Antithese. Ganz zu schweigen von der regelrecht alchimistischen Dimension der Fermentation: Bei einer Malossol- oder (zwei Tage alten) frischen Dillgurke handelt es sich immer noch um eine Gurke, gleichzeitig aber schon um etwas anderes.

Nicht zuletzt lässt sich anhand der Fermentation unser Verständnis vom Anderen und dem Fremden neu verhandeln, und zwar insofern, als dass das ursprünglich Andere die Mikrobe ist. In weiten Teilen Zentral- und Osteuropas wird die Sole, die bei der Fermentation entsteht—also das Gurkenwasser—, traditionell getrunken um einen Kater zu bekämpfen, den Körper wiederherzustellen und die Schäden der vergangenen Nacht zu heilen. In den USA, in Großbritannien und anderswo entwickelt sich Gurkenwasser gerade zum neuesten Trend auf dem Sportgetränkemarkt: Dort gilt es als leistungsfördernd und aufbauend. Ein weiteres Beispiel dafür, wie man mit einem ›dummen‹ Medium die unterschiedlichen Weltsichten von, sagen wir mal, einem atlantischen Positivismus und einem eurasischen Defätismus aufzeigen kann.

KW ON LOCATION
Slavs and Tatars’ Pickle Bar
11—12 Sep, 18 Uhr, 20 Uhr
13 Sep, 15 Uhr, 17 Uhr

 

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