Recherche und Selbstermächtigung

Foto: Inga Zimprich (FGRG)
Feministische Gesundheitsrecherchegruppe, Ausstellungsansicht exp. 2 Virginia de medeiros – Feministische Gesundheitsrecherchegruppe im Rahmen der 11. Berlin Biennale (2019/2020)

Die Feministische Gesundheitsrecherchegruppe forscht zur Geschichte der Gesundheitsbewegung. Auf der 11. Berlin Biennale wird das Kollektiv eine neue Publikation vorstellen. Ein Gespräch über Recherche als künstlerisches Mittel, Zugangsbedürfnisse und die Lehren der Gesundheitsbewegung der 1970er und 80er Jahre für die Gegenwart

BAW JOURNAL: Ihr forscht als Feministische Gesundheitsrecherchegruppe zur Gesundheitsbewegung. Ich kann mir vorstellen, dass ihr grade jede Menge Anfragen bekommt, oder?

FEMINISTISCHE GESUNDHEITSRECHERCHEGRUPPE: Als wir vor fünf Jahren angefangen haben, zu Gesundheit zu arbeiten, war das Thema im Kunstbetrieb noch überhaupt nicht präsent. Jetzt ist das natürlich anders, zum einen durch die COVID-19-Krise, zum anderen durch einen gewissen »Care«- und Fürsorge-Hype in der Kunst. So begrüßenswert diese Aufmerksamkeit erst einmal ist, stellt sich aber die Frage, was sich davon tatsächlich längerfristig niederschlägt. Denn beim Thema Gesundheit und Fürsorge geht es ja gerade darum, Beziehungen und Produktionsformen wirklich und umfassend umzuarbeiten und umzustellen. Und das Kunstsystem ist eben sehr wettbewerbsorientiert und produziert viele Ausschlüsse, auch da, wo politische Themen bearbeitet werden.

 

Wie kamt ihr eigentlich auf das Thema Gesundheitspolitik?

Gesundheitspolitik ist eigentlich allgegenwärtig. Sie betrifft uns alle und sobald wir krank werden oder in eine emotionale Krise geraten, sind wir sofort mit dem Gesundheitssystem konfrontiert—aber eben oft aus einer Position der Schwäche und Abhängigkeit heraus. Zudem ist Gesundheitspolitik ein gewaltiges Machtinstrument, über das entlang von Faktoren wie Nationalität, Krankenversicherung u. a. Einschlüsse und Ausschlüsse reguliert werden. Das Thema ist einschüchternd—so groß, dass sich Künstler*innen da erst einmal nicht so richtig herantrauen.

Feministische Gesundheitsrecherchegruppe: Being in Crises Together (Illustration: Tina Kaden). Zine veröffentlicht im Rahmen des Epilogue der 11. Berlin Biennale 2020

Foto: Inga Zimprich (FGRG)
Feministische Gesundheitsrecherchegruppe, Ausstellungsansicht exp. 2 Virginia de medeiros – Feministische Gesundheitsrecherchegruppe im Rahmen der 11. Berlin Biennale (2019/2020)

Deswegen der Recherche-Ansatz? 

Genau. Die kollektive Recherchepraxis bot uns zuerst einmal die Möglichkeit, eine Position zu finden, aus der heraus wir ohne viel Vorwissen zum Thema Gesundheit arbeiten und auch lernen konnten. Wir mussten uns erst einmal ermächtigen, von einem künstlerischen Standpunkt aus zur Gesundheitspolitik arbeiten zu können, so ganz ohne medizinische Ausbildung und Expert*innenwissen, aber eben mit unseren eigenen Erfahrungen und der eigenen Betroffenheit, Körperlichkeit und Biografie. Egal ob anfangs in größeren Gruppen, zu dritt mit Alice Münch, die seit 2018 nicht mehr mitarbeitet, oder nun zu zweit—wir haben die Recherche von Anfang an als Ziel und Resultat verstanden und eben nicht als Vorarbeit. Daraus haben sich dann bestimmte Formate ergeben, Workshops zum Beispiel oder Zines, die wir herausgeben. Wenn wir Ausstellungen machen, dann versuchen wir selbstermutigende Displays zu entwerfen, die selbst wenig Distanz herstellen. Uns geht es darum, so direkt wie möglich und mit bestimmten didaktischen Methoden das Wissen zu vermitteln, das wir bei unseren Recherchen gewinnen. Wir versuchen, unsere Quellen transparent zu halten und sie uns nicht anzueignen. Wir möchten informieren—damit die Leute von den Institutionen der Gesundheitsbewegung erfahren und sie auch wieder in Gebrauch nehmen können.

 

Was hat es denn dann mit der West-Berliner Gesundheitsbewegung der 70er und 80er Jahre auf sich, über die ihr 2019 eine Publikation herausgebracht habt?

Bei unseren Besuchen im Feministischen Frauen Gesundheits Zentrum e.V., bei FFBIZ—das feministische Archiv oder dem HeileHaus wurde uns schnell klar, dass es in Berlin außergewöhnliche, radikale Gesundheitsinitiativen gibt. Ein gutes Beispiel ist auch das Weglaufhaus, eine antipsychiatrische Einrichtung, an die Leute in emotionalen Krisen sich wenden können, wenn sie nicht in die Psychiatrie gehen wollen. Im Weglaufhaus werden keine Medikamente verschrieben und es wird keine Therapie verordnet. Es ist ein gemeinschaftlicher Ort, an dem man Krisen durchleben kann. Es ist total erstaunlich, dass es so etwas heute noch gibt—oftmals sehr prekär finanziert. Viele dieser Initiativen sind aus bestimmten feministischen Kontexten heraus gegründet worden oder an der Schnittstelle zur Hausbesetzer*innenszene entstanden und gehen allesamt bis in die 1980er und manchmal sogar bis die 70er Jahre zurück. Damals wurde wirklich umfassend gesellschaftlich über Gesundheitspolitik diskutiert, wurden viele Organisationsformen ausprobiert, z. B. Apotheker*innen- und Ärzt*innenkollektive. Dazu kam eine Vielzahl von Kämpfen um reproduktive Rechte, um das Recht auf Abtreibung etwa. Feministinnnen praktizierten vaginale Selbstuntersuchung, um sich gegenüber einer patriarchalen Gynäkologie und der Schulmedizin zu ermächtigen und ihr die eigene Erfahrung und das eigene Wissen entgegenzusetzen.

»Es geht nicht zuletzt darum, auch im Kunstfeld andere Räume herzustellen. Räume, in denen es okay ist, verletzlich oder erschöpft zu sein.«

Was habt ihr aus der dieser ja eher historischen Recherche für die Gegenwart mitgenommen?

Anders als die parallel entstandene Umweltbewegung, die mittlerweile ja gesamtgesellschaftlich angekommen ist, ist die Gesundheitsbewegung wieder verschwunden. Das hat vielerlei Gründe, nicht zuletzt gab es in den 1990er Jahren einen ganz klaren antifeministischen Backlash. Im Zuge einer allgemeinen Ökonomisierung und Ausrichtung am individuellen Erfolg und an Karriere wurden nicht zuletzt feministische und reformorientierte Ansätze abgewertet. Wir haben in unserer Recherche versucht zu rekonstruieren, um welche Forderungen es damals ging, welche Aktionsformen gewählt wurden—und wie man sie für die Gegenwart noch einmal fruchtbar machen kann, um aktuelle Gesundheitspolitik neu zu politisieren.

 

Und zwar wie?

Wir können uns beispielsweise fragen, welche queerfeministischen, antirassistischen Beratungsangebote wir heute brauchen, und was wir der Ökonomisierung von Krankenhäusern, aber auch der Hierarchie zwischen Patient*innen und Ärzt*innen entgegensetzen können. Das Kollektiv Gynformation betreibt beispielsweise eine Plattform, auf der man Ärzt*innen weiterempfehlen kann, mit denen man gute Erfahrungen gemacht hat.
Die verschiedenen Aktionsformen der Gesundheitsbewegung ermutigen uns, das Gesundheitsparadigma, in dem wir selbst leben, in Frage zu stellen, beispielsweise Leistungsfähigkeit, Jugendlichkeit, Effizienz oder Autonomie. Als wir—damals noch mit Alice Münch zusammen—die Recherche zur Gesundheitsbewegung begonnen haben, waren wir alle drei Mütter kleiner Kinder. Wir haben gemerkt, dass wir bestimmte Dinge, die im Kunstmarkt gefragt sind, nicht mehr leisten können. Und diese Veränderung der eigenen Leistungsfähigkeit, bedingt durch Fürsorgearbeit, hat nicht zuletzt zu mehr Aufmerksamkeit für die Zugangsbedürfnisse anderer Personen geführt—Personen mit Behinderungen, mit chronischen Krankheiten etc. Es geht nicht zuletzt darum, auch im Kunstfeld andere Räume herzustellen, in denen es okay ist, verletzlich zu sein, erschöpft zu sein; Räume, in denen man Zugangsbedürfnisse äußern kann—und Institutionen, die sich um solche Bedürfnisse kümmern.

 

Das Gespräch wurde von Dominikus Müller geführt.

Epilog—11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst
5 SEP—1 NOV 2020

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