Preiswert und griffbereit

Foto: Andrea Rossetti
John Miller, An Elixir of Immortality, Installationsansicht, 2020

John Miller über PowerPoint

Zum ersten Mal habe ich eine PowerPoint-Präsentation als Kunstwerk bei der Whitney Biennale 2008 gesehen. Das war in einer Arbeit von Francis Stark. Bis dahin wusste ich gar nicht, was PowerPoint ist.
Seit vielen Jahren setzen Regierungsorganisationen und Firmen, ganz zu schweigen von der Wissenschaft, diese Software regelmäßig ein. Irgendwann wurde sie so populär, dass die Leute begannen, sie zu hassen. PowerPoint, das war Ausdruck von Zwang und Didaktik; ein visuelles Format, das in Vorträgen die Redner*innen oft dazu verleitet, länger als nötig rumzuleiern. Inzwischen aber haben Übungsprogramme, produziert von Firmen wie Qualtrics, mit denen man Student*innen und Mitarbeiter*innen ganz bequem in ihren eigenen vier Wänden zulabern kann, begonnen, PowerPoint zu überholen. Jetzt, wo PowerPoint nicht mehr in der vordersten Reihe der digitalen Revolution‹ steht, wirkt es eher altbacken.
Einer der Vorzüge der Poesie ist, dass sie aus fast nichts entstehen kann. Ein zentraler Bezugspunkt der Konzeptkunst ist die konkrete Poesie. Reste, das Verworfene und Verlassene—all das kommt dem Material der Poesie sehr nah: Dinge, die zu verschwinden drohen. 2015 begann ich mich für PowerPoint als Mittel zur Produktion von kurzen Filmen zu interessieren. PowerPoint ermöglichte mir, auf Grundlage von Fotos innerhalb kurzer Zeit Geschichten—sogar Fabeln—zu entwerfen. Chris Markers hauptsächlich aus unbewegten Bildern bestehender Science-Fiction-Film ›La Jetée‹ (1962) hat diesbezüglich bereits die Wirkmächtigkeit des unbewegten Bildes im Film offenbart. Zudem stand mir mit PowerPoint-Präsentationen durch die Möglichkeit, Bilder mit Worten zu verbinden, ein erweiterter »Kon-Text« zur Verfügung. Technisch lässt sich ein PowerPoint-Bild in einer viel höheren Auflösung herstellen als das bei Video der Fall wäre. Und das Timing pro Bild ist bis auf eine Hundertstelsekunde genau. Alles was ich brauchte, war damit preiswert und griffbereit verfügbar.
Bis jetzt habe ich fünf PowerPoint-Arbeiten geschaffen: ›The Ruin of Exchange‹ (2015), ›Reconstructing a Public Sphere‹ (2016), ›In the Middle‹ (2016), ›Primary Structures‹ (2016) und ›Walking in the City‹ (2017). Alle adressieren den öffentlichen Raum über die Figur des Gehens. Sie sind auf das Zusammenspiel von Subjektivität, Fassaden, Müll, Menschenmengen und Erinnerung fokussiert und stellen die Figur des Flaneurs in den Mittelpunkt. Ihre sich verändernden Beziehungen evozieren vage halluzinatorische Räume. Die Welt in diesen PowerPoint-Präsentationen ist provisorisch. Die Dinge könnten immer auch anders sein. Das, was sie gerade sind, ist lediglich eine Ansammlung von Möglichem. Gut möglich, dass ein Programm wie PowerPoint—als etwas sozial allgemein Abgewertetes—perfekt ist, um genau das darzustellen.

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