Nehmen, was man braucht—geben, was man kann

© Arts of the Working Class
Arts of the Working Class, Utopia is not a Promise but a Joint Venture

Arts of the Working Class über Distribution

Die Kulturlandschaft Berlins zehrt von einem Wohlstand, der noch umverteilt werden muss. Bezahlbare Wohnräume und Ateliers, faire Löhne für Angestellte, gerechte Lebensbedingungen für Freischaffende, Zugänglichkeit zu Fördermitteln—all das gibt es hier im Vergleich zu anderen Städten. Trotzdem finden viele diese Auflistung wahrscheinlich irritierend. »Was schreiben die denn da, die Möglichkeiten werden doch immer weniger!«, rufen sie vielleicht. Und andere sagen einfach nur: »Ach, die Berliner*innen, so verwöhnt in dieser Stadt der Künstler*innen!«

›Arts of the Working Class‹ (AWC), die mehrsprachige Straßenzeitung für Armut und Reichtum, Kunst und Gesellschaft, macht solche Spannungen und Konflikte, macht die soziopolitischen Bedingungen sichtbar. Im aktuellen Heft findet sich beispielsweise eine Anzeige zur Ausstellung von Jeremy Shaw in der Julia Stoschek Collection auf dem gleichen Druckbogen wie die Tourismuskampagne der Stadt Berlin; die Paris Bar und die Berliner Obdachlosenhilfe e.V. auf einem weiteren; und die Anzeige der österreichischen Arbeiterkammer neben einem Editorial der Herausgeber*innen zum titelgebenden Konzept ›Eurothanasia‹. Als Gast-Herausgeber*innen der Ausgabe navigieren Ira Koyhunkova und das Künstlerkollektiv HEKLER durch den postsowjetischen Kontext, während Jonas von Lenthe seine Sammlung abgelehnter Fahnen-Skizzen für die Europäische Union präsentiert. Matylda Krzykowski schreibt über den Kurator Matt Fenton und wie dieser aufhörte, Entscheidungen nur in der eigenen kulturellen Blase zu treffen. Und Simon Fujiwara zeichnet mit Kohle (also verbrannten Bäumen) den Pink Panther über Collagen aus Nachrichtenbildern der ersten Phase der Corona-Pandemie.

›Arts of the Working Class‹ versucht, nicht nur die Aufmerksamkeit, die Celebrities aus der Kunst und anderen Welten genießen, umzuverteilen und denjenigen in Not zugutekommen zu lassen. Die Straßenzeitung finanziert sich darüber hinaus rein durch Anzeigen—was bedeutet, dass die Verkäufer*innen auf der Straße 100% des Erlöses behalten können. Die Anzeigenpreise variieren je nach den Mitteln der inserierenden Galerien, Kulturinstitutionen und Unternehmen. Denen, die nicht über die nötigen Mittel verfügen, bieten wir Partnerschaften an. Als Herausgeber*innen sehen wir in unserer Zeitung eine Möglichkeit, so vielen wie möglich die Chance zu geben, zu nehmen, was sie brauchen, und zu geben, was sie können. Eine solche (Re)Distribution funktioniert natürlich nur mit bestmöglicher Transparenz, der Offenheit derer, die Gerechtigkeit suchen, und der Hilfe jener, die es sich leisten können.

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