Erfolglose Bots

© Berliner Festspiele/Immersion. Foto: Eike Walkenhorst
Anne Duk Hee Jordan, ›Into the Wild (Ongoing)‹, Soziale Skulptur mit Kräutern, Gemüse, essbaren Blüten, Tisch, Courtesy the artist Installationsansicht ›Down to Earth. Klima Kunst Diskurs unglugged‹, Gropius Bau, Berlin, 2020

Anne Duk Hee Jordan über ›Artificial Stupidity‹

»Schon sehr bald wird aus der künstlichen Intelligenz eine neue Art von Lebewesen hervorgehen: Cyborgs, die 10000 mal schneller sein werden als wir. Unsere Lebensform wird ihnen ähnlich entwickelt erscheinen wie uns die Pflanzenwelt«, heißt es schon im Klappentext von James Lovelocks jüngst erschienenem Buch ›Das Novozän‹ (2020). Mich fasziniert es, wie sich Maschine, Natur und Mensch zusammen formen—und das vielbeschworene Zeitalter des Anthropozäns am Ende nicht viel mehr ist als ein Durchlauferhitzer. Wir sitzen halt auf einem alten Planeten, der mal bröckeln kann.

Vor etwa 3,4 Milliarden Jahren ermöglichte der Prozess der Photosynthese den ersten Einzellern, Licht in Energie zu transformieren. Der nächste Evolutionsschritt war die Entdeckung des Feuers. Im 18. Jahrhundert begann schließlich die Industrielle Revolution. Durch die Verbrennung von Kohlenstoff wurde gespeicherte Sonnenenergie in physikalische Energie umgewandelt. »Die dritte Stufe wird das Novozän sein, in dem aus Solarenergie Information wird«, schreibt Lovelock. Dann verbreitet sich Hyperintelligenz im ganzen Universum.

Auch in meinen Arbeiten beschäftige ich mich mit solchen Gedankenprozessen: Pflanzen, Objekte, Steine werden eins mit Maschinen. Die Maschinen, die ich kreiere, begreife ich als lebende Organismen—manche davon bezeichne ich als ›Artificial Stupidity‹, als künstliche Dummheit. In der gleichnamigen Serie (seit 2016) geht es mir darum, Misserfolge zuzulassen und für den Bereich der Robotik die Nichtintelligenz zurückzugewinnen. Diese Maschinen sind nicht in der Lage, ihre Funktion zu erfüllen. Sie sind nicht dazu berufen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Statt auf Effizienz und Erfolg gepolt zu sein, spiegeln sie menschliches Handeln wider und bringen den Zuschauer*innen Humor und Perspektivwechsel bei. Sie sind der Prototyp einer Idee. Oder, um einen Begriff zu verwenden, der bei Donna Haraway immer wieder auftaucht: Sie sind philosophische, poetische, motorische »Critters«, kleine »Viecher« oder »Kreaturen«. Hat ein nicht-funktionierender künstlicher Bot nicht auch das Recht, unser Welt zu bewohnen?

Während der Berlin Art Week 2020 sind zwei meiner Arbeiten zu sehen. Zum einen zeige ich in ›DOWN TO EARTH‹ im Gropius Bau einen über 70 Meter langen essbaren Tisch mit dem Titel ›INTO THE WILD‹, eine soziale Skulptur. Zum anderen bin ich gemeinsam mit Viron Erol Vert an dem von Pauline Doutreluingne und Petra Poelzl kuratierten Projekt ›A Handful of Dust‹ beteiligt. Am Standortfriedhof Lilienthalstrasse 7 in Neukoelln zeige ich in der 1938 erbauten Ehrenhalle einen dieser ›Artificial Stupidity‹-Critters: nämlich ›Buchsbäume‹, mitten in einer neu erschaffenen Installation. Diese Critters sollen eigentlich Grenzen ziehen—aber sie schaffen es nicht.

GROPIUS BAU
Down to Earth. Klima Kunst Diskurs unplugged
13 AUG—13 SEP 2020
Finissage-Woche 9—13 SEP
aus der Programmreihe Immersion

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