Cao Fei

Foto: Myrzik und Jarisch
Cao Fei

Die Künstlerin Cao Fei beantwortet die zwölf Fragen unseres Questionnaires—über Kopfschmerzen, Träume und darüber, wie es ist, sein eigenes Publikum zu sein

Woran arbeiten Sie im Moment?
In letzter Zeit bin ich in einer Art Zwischenzustand, halb ruhe ich mich aus und halb arbeite ich. Wegen der Corona-Pandemie wurden viele meiner zukünftigen Projekte entweder verschoben oder abgesagt.

Welcher Teil Ihrer Arbeit macht Ihnen am meisten Spaß, und welcher am wenigsten?
Am meisten Spaß macht mir die Hinwendung zu den Sujets meiner künstlerischen Recherche. Insbesondere mag ich den Prozess, bei dem ich die jeweiligen Leute und ihr Leben kennenlerne. Ich liebe es auch, in unterschiedlichen Stadien meines Arbeitsprozesses mit unterschiedlichen Menschen anregende Gespräche zu führen. Was mir am wenigsten Spaß macht, sind die Kopfschmerzen und der fehlende Schlaf—das Resultat meines übermäßigen Arbeitspensums.

Wer oder was beeinflusst Sie in Ihrer Arbeit?
Die meisten meiner Arbeiten sind ergebnisoffen, forschend und interdisziplinär. Sei es damals 2007 für ›RMB City‹ oder mein jüngeres ›HX‹-Projekt, ich habe immer viele Expert*innen und Wissenschaftler*innen aus den unterschiedlichsten Gebieten getroffen, wie beispielsweise Architektur, Philosophie, Film, Literatur, Mode und vieles mehr. Ihre Einsichten und Interpretationen inspirieren mich häufig dazu, meine Arbeitsweise zu erweitern und mir neue Perspektiven zu erschließen.

Zu welchem Kunstwerk kehren Sie immer wieder zurück?
Wenn ich nach einer sehr langen Zeit meine eigenen Arbeiten wieder anschaue, verhalte ich mich wie ein Publikum, das sie gerade eben gesehen hat: Wenn ich beispielsweise ›i.Mirror‹ (2007) oder ›Whose Utopia‹ (2006) ansehe, bin ich von der Geschichte berührt und vergieße vielleicht sogar eine Träne. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und bringe wirklich all mein Streben und meine echten Gefühle in jede meiner Arbeiten ein. Manchmal wächst das Kunstwerk dann über sich hinaus und wird etwas Größeres: mein Schatten, die Projektion meiner Gefühle über die Welt. Meine Arbeiten sind wie meine Träume, und dem eigenen Traum zu begegnen ist extrem magisch und beglückend—selbst wenn man ihn mit Tränen in den Augen ansieht.

Was würden Sie machen, wenn Sie keine Kunst machen würden?
Filmregisseurin? Amateurschauspielerin? Kolumnistin? Lehrerin?

Wie sieht Ihr Arbeitsplatz aus?
Ich mag keine großen leeren Räume, da kann ich mich nicht gut konzentrieren. Ich kann im Flugzeug Videos schneiden und Artikel schreiben. Ich kann unter den unterschiedlichsten Bedingungen schreiben, im Café, im Schwimmbad oder auch auf dem Bett meiner Kinder, während sie einschlafen. Ich habe keine hohen Ansprüche, ich kann überall arbeiten: Der Esstisch ist super, auf meinem Schoß geht auch gut, und der winzige Schminktisch in einem Hotel ist auch nicht schlecht. Da man heutzutage so viel auf dem Mobiltelefon machen kann, kann ich jederzeit und überall arbeiten.

Wo halten Sie sich am liebsten auf?
Es gibt weder ein perfektes Zuhause noch eine perfekte Stadt. Heutzutage, wo die Zeit so fragmentiert geworden ist, gilt unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich der Online-Welt. Was wir wirklich wahrnehmen, sind dann vielleicht die kleinen Dinge wie der Wasserdruck in der Dusche, die Temperatur, wie gemütlich unsere Kissen sind, das Licht, der Geruch, das Essen. Unsere Online-Existenz lässt die Grenzen von Zeit und Raum verschwinden, und unsere Körper verschwinden langsam ins Digitale. Es ist nicht mehr klar, wo wir sind. Selbst wenn wir unseren Urlaub auf einem Schweizer Berg oder an einem Strand in Thailand verbringen, bleiben unsere Gedanken und unsere Seele teilweise in der Cloud—auf der anderen Seite des Bildschirms.

Welchen Raum würden Sie gerne mal betreten?
Die Antwort lautet »Traum«. Denn er ist unbewusst, bildlich, schwach narrativ, surreal, und der Prozess ist keineswegs linear. Die Figuren in unseren Träumen sind uns entweder nah oder fremd, die Handlung schwankt von traurig bis glücklich, ein Traum kann angsteinflößend sein oder einfach unverständlich. Träume sind ein anderes linguistisches System des Lebens—die Neuorganisation und Transzendenz unserer Realitätsordnung. Man muss sich das einmal klarmachen: Ein Drittel unseres Lebens sind wir tatsächlich auf einer anderen Reise—das ist eine wunderschöne Sache.

Was machen Sie am liebsten, wenn Sie allein sind?
Seit der Geburt meiner Kinder, gibt es fast keine Zeit allein mehr. Wenn, dann arbeite ich bis nach Mitternacht, nachdem meine Kinder eingeschlafen sind, oder bin auf dem Weg, die Kleinen aus der Schule abzuholen. Oder ich mache einen Spaziergang mit dem Hund, oder habe eine Ausstellung in Übersee. Den reinen »Solo-Moment« gibt es fast nicht. Früher habe ich oft wahllos die E-Commerce-App Taobao auf meinem Handy gecheckt, um mich zu entspannen.

Welches Ding bereichert Ihren Alltag?
Es reicht mir, über meine Projekte nachzudenken und mich um meine Kinder zu kümmern. Tatsächlich hoffe ich, dass mein Leben einmal weniger voll sein kann.

Was lesen Sie gerade?
Ich lese ein paar Artikel von Norbert Wiener, dem Vater der Kybernetik. Wiener sagte voraus, dass in der nahen Zukunft die künstliche Intelligenz unserer Gesellschaft enormen Schaden zufügen und die Automatisierung der Produktion zu hoher Arbeitslosigkeit führen würde. Wieners Weltsicht ist extrem pessimistisch. Aber was wir heute haben, ist genauso wichtig und dringend wie das, was Wiener vorausgesagt hat. Etwas anderes: Der plötzliche Tod von Bernard Stiegler hat dazu geführt, dass die Leute seine Radikalität noch einmal neu überdenken. Er hatte der zeitgenössischen Kunst neue Wege für das Denken und Handeln erschlossen. Sein Tod ist ein riesiger Verlust für die Welt.

Ihre letzte Reise vor dem Lockdown? Ihre erste danach?
Die letzte Reise vor dem Lockdown ging nach London zur Eröffnung meiner Einzelausstellung ›Blueprints‹ in den Serpentine Galleries. Die erste Reise nach dem Lockdown ist noch nicht passiert, da meine Familie und ich seit dem Beginn der Pandemie in Singapur festsitzen. Das ist wahrscheinlich die längste Reise, die ich je gemacht habe.

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